Mobile private harbourage

Categories Travel report, published on Monday, 18. December 2017, last modification: Monday, 5. February 2018

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Spontan habe ich mich dazu entschieden wieder einen Blogeintrag über meine aktuellen Reiseerlebnisse zu verfassen. Einmal um mir das mehrfache Berichte zu ersparen und zum zweiten, weil sich auf der Fähre dazu die Gelegenheit ergab.

Auch auf die Gefahr hin, dass nicht jedem bei allen Erwähnungen der Hintergrund bekannt ist und Informationen fehlen, werde ich Bezüge machen ohne den Kontext zu vertiefen.

Montag, den 12. Dezember 2017, haben wir, also mein Bruder, seine Freundin und ich, morgens nach einer stürmischen und regnerischen Nacht unsere Unterkunft auf der Finca Baobab verlassen. In unnötiger Hektik meinerseits habe ich mir dabei noch den rechten kleinen Zeh blutig gehauen. Erfreulicherweise nur eine oberflächliche Schramme.

Wir sind bis zum Busbahnhof nach Almuñecar gebracht worden. Die Sonne kam zwar bereits wieder durch, aber die 15° C waren aufgrund des kühlen Windes nicht sonderlich angenehm. Ich zog auch ausnahmsweise meine Sandalen an, weil der Boden nass war und ich in voraus eilendem Gehorsam keine eventuelle Auseinandersetzung mit dem Busfahrer eingehen wollte.

Die Fähre, mit der ich auf die kanarischen Inseln reise, legte zwar erst einen Tag später um 17 Uhr ab, jedoch habe ich die Gelegenheit genutzt mit den anderen beiden direkt mitzufahren. Ich schloss mich der Online-Buchung der Bustickets an, was mir nachträglich, bei Betrachtung der Menge an Fahrgästen auch sinnvoll erschien. Hat zwar den Nachteil, dass für diesen Kauf die Reisepassnummer und der Ausdruck einer DIN-A-4-Seite benötigt wird, aber Bequemlichkeit ist meist ein schwer zu schlagender Gegner.

Mein Plan war es bis zum Flughafen mitzufahren und von dort aus noch am selben Tag nach Cádiz zu trampen, dort in einer Herberge zu übernachten und den Dienstag bequem irgendwo in einem Stadtpark zu verbringen bevor ich nachmittags aufs Schiff gehe. Obwohl meine Erfahrung als Anhalter in dieser Gegend nicht von Erfolgen gezeichnet ist, wollte ich mich dieser Fortbewegungsmethode erneut aussetzen. Immerhin hatte ich ja über 24 Stunden Zeit für eine Distanz von etwas über 200 Kilometern.Route von Málaga Flughafen nach Cádiz

Die Busfahrt ging zunächst zügig von Statten, doch gefühlt kam mir das Durchqueren von Málaga so lange vor wie die Fahrt bis dorthin. Ziemlich viel innerstädtischer Verkehr, ziemlich viele Ampeln. Es waren überall Spuren davon zu sehen, dass es auch hier gestürmt hatte. Jede Menge Äste und Palmblätter auf den Wegen und an den Straßenrändern. Es wurde bereits aufgeräumt. Unabhängig davon fiel mir die hohe Anzahl an spanischen Fahnen und Flaggen (wo war noch gleich der Unterschied?) auf, die an Fenstern und Balkonen hingen. Hoch mag realtiv sein, da ich vom völligen Fehlen solcher Bekundungen ausgehe, aber alle paar Meter waren welche sichtbar.

Nach knapp drei Stunden erreichte der Bus seine Endstation am Flughafen und wir drei verabschiedeten uns von einander. Ich ging ein Stück in meine Zielrichtung und aß erst einmal den gefährdeten Teil meines Proviantes: weiche Kakis und Cherimoyas.

An Ort und Stelle realisiert ich erneut die mir bekannte, ungünstige Ausgangssituation. Es gibt mehrere Fahrspuren vom Flughafen weg und mindestens zwei Möglichkeiten, um dahin zu fahren, wo ich hin wollte.

Ich entschied mich zuerst den oberen Kreisverkehr aufzusuchen, der deutlicher mit Hinweisschildern Richtung Autobahn A7 versehen ist und stellte mich einige Meter hinter die passende Ausfahrt an die Leitplanke. Es ist keine optimale Stelle, aber die Autofahrer sehen mich rechtzeitig und haben aufgrund des geringen Verkehrsaufkommens auch die Möglichkeit anzuhalten.Blick vom Kreisverkehr auf den Flughafen

Mittlerweile war es nach 14:30 Uhr, immer noch sonnig und weiterhin 15° warm, aber der kühle Wind an dieser exponierten Stelle unangenehm. Meine Jacke hat zwar eine Kapuze, aber ich scheue mich diese überzuziehen, wenn ich meine Mitmenschen davon überzeugen will mich mitzunehmen. Das eh schon vorhandene Unbehagen beim Thema Anhalter will ich nicht noch durch eine derartige Erscheinung befördern. Eine Kapuze hat etwas Verbergendes und gibt nicht viel Sicht auf das Anlitz ihres Trägers preis.

An den Tagen zuvor kam mir bei meinen Überlegungen zu diesem Vorhaben die Idee dieses Mal ein Schild anzufertigen, auf dem zumindest A7 sur steht, also der Name der Autobahn und die Himmelsrichtung Süden. Denn ein Problem, das mir immer wieder begegnet sind die ewig langen Zubringer, die in beide Fahrtrichtungen führen und sich erst sehr spät definitiv aufspalten. Ich hatte allerdings vergessen mich darum zu kümmern und so blieb nur mein Daumen. Außerdem unterstelle ich weiterhin, dass derjenige, der helfen will, anhält und fragt.

Es hielt allerdings keiner an. Aufgrund der Kühle und dem Gefühl, dass am unteren Kreisverkehr mehr los sei, verließ ich recht bald wieder meinen ersten Standort und ging hinunter, um dort mein Glück zu versuchen. Ich entdeckte, dass die Standmöglichkeiten noch schlechter waren, was mir allerdings schon vorher bekannt war. Ich hatte es optimistisch verdrängt.

Ich stapfte außen entlang der Leitplanke der MA-21, um eine bessere Position zu erlangen. Es war dabei von Vorteil, dass ich weiterhin meine Sandalen an den Füßen trug und somit zügig und unbekümmert durch das niedrige Gewächs und den typischen, aus Autofenstern geworfenen Müll streifen konnte. Nachteil war, dass ich mich mit reichlich Proviant ausgestattet hatte. Nicht weil es auf der Fähre nichts zu essen gibt, sondern weil es an frischem Obst mangelt und ich so schlecht die vielen guten Früchte zurücklassen kann.

Grundsätzlich leide ich darunter schnell unterwegs zu sein. Ich muss mich bewusst bremsen und bewusst langsamer gehen, verfalle jedoch nach wenigen Schritten in einen Sprint, soweit das bei der Beladung möglich ist. Die Wetterlage sorgte immerhin dafür, dass ich nicht ins Schwitzen geriet. Im Gegenteil, ich lief gegen das Frieren an.

Ich folgte der Fahrbahn Richtung Cádiz und gelangte dabei um den Flughafen herum; marschierte zwischen Leitplanke und Zaun der Start- und Landebahn. Es kam die Stelle, an der die Leitplanke endet und der Abstand zwischen Fahrbahnmarkierung und noch begehbarem Seitenstreifen einen Meter betrug. Besonders vernünftig ist es nicht dort entlang zu gehen, aber mir war nicht nach Umkehr und die Abfahrt Churriana lag sichtbar voraus. Trotz der hohen Geschwindigkeit bleibt den Autofahrern aufgrund der geraden Streckenführung genug Weitsicht und so schritt ich unbeirrt vorwärts. Mein Zusatzgewicht sorgte dafür, dass auch Busse und LKWs mich nicht zum Schwanken brachten. Das ist diese Art von Leichtsinn, von der ich in der Regel nicht berichte.

Und weil ich noch nicht genug Unbequemlichkeiten vereint hatte, begann mein rechter Fuß zu schmerzen. Es dauert meist nicht lang und die Riemen meiner Sandalen scheuern mir die Haut auf den Fußrücken auf. Das mag daran liegen, dass ich Schuhwerk nicht mehr gewohnt bin, zu schnell darin gehe und dazu noch in unwegsamen Gelände und überladen.

Es ist nur eine kleine Stelle die wund wird, aber der ständige Kontakt schmerzt auf nervende Weise. Häufig zögere ich den Aufenthalt in meinen Sandalen damit heraus, dass ich den oberen Riemen nicht anlege und die Schuhe wie Flipflops trage, sie also nur mit dem Riemen über den Zehen halte, was ich auch dieses Mal tat.

Der gefährliche Part war nach wenigen Metern bewältigt und ich kehrte an der Ausfahrt bei einem gekrönten Schnellrestaurant ein. Marschieren regt die Verdauung an. Ich nehme dort nichts mit, ich lasse nur etwas da.

Ich ging anschließend weiter, um mich an den nächsten Zubringer zur Autobahn MA-20 zu stellen, hielt aber bereits vorher an einer günstigen Stelle, was zumindest die Anhaltemöglichkeiten betrifft. Jedoch war auch da noch nicht die eindeutige Richtung vorgeben. Es passierte sowohl der Verkehr nach Málaga als auch der nach Algeciras. Die Hafenstadt bei Gibraltar, die auf halber Strecke liegt.

Die Witterungsverhältnisse waren unverändert und ich zehrte nebenbei von meinem Proviant in Form von Cherimoya-Creme und getrockneten Cherimoyas. Beides leicht zu essen, während ich den Finger hinaus strecke.

Aber auch dort hielt keiner an und um dem Frösteln zu entgegnen verzichtete ich erneut auf die Kapuze und wärmte mich stattdessen wieder durch Bewegung. Ich lief ein Stück weiter bis ich wirklich an der Autobahnauffahrt nach Algeciras angelegt war und ging erneut in Position.

Ich machte mir bereits Gedanken, wie ich meine Reise fortsetzen wollte. Mein erstes Ziel war von Beginn an auf den Rasthof Arroyo de la Miel der A7 hinter Málaga zu kommen, um von dort aus die Reisenden anzusprechen. Es war keine große Entfernung und mit einem Smartphone und einer Internetverbindung hätte ich mir vielleicht vergegenwärtigen können, ob und wie ich ihn vielleicht zu Fuß erreichen könnte. Dass ich das nicht vorher am Computer getan hatte ist ebenfalls mein Optimismus schuld. Bei nachträglicher Betrachtung der Karte schätze ich die Strecke aber doch als zu mühsam ein um sie mit großem Rucksack, kleinem Rucksack, Gitarre und Provianttasche abzulaufen.

Die Abfahrt der Fähre war noch weit genug weg, aber was die Unterbringung in der Herberge betraf, war ich mir unsicher. Ich kenne sie von meinem ersten Aufenthalt in Cádiz 2012. Ein Rucksackreisender, der mich beim Durchstreifen der Stadt ansprach, hatte mir davon berichtet und so suchte ich sie damals direkt auf. Ich fand die Angaben zwar online wieder (Albergue Caballeros Hospitalarios, Calle Benjumeda 11, Teléfono: 956213001), aber erkundigte mich nicht weiter. Dunkel in Erinnerung war mir noch, dass sie recht früh die Tore abends schloss und ebenfalls früh morgens wieder öffnete. Es seien bis zu drei kostenlose Übernachtungen hintereinander möglich. Dieses Mal würde ich eine Geldspende dort lassen.

Ich entschied mich also nach 17 Uhr das nächste Taxi zu stoppen. Ich hatte schon einige vorbeifahren sehen, und würde dafür bezahlen die paar Kilometer bis zum Rasthof gebracht zu werden. Wenigen Minuten vor meiner willkürlichen Zeitgrenze hielt ein PKW und ich stieg ohne weiteres Fragen ein. Hauptsache on the road. Ich gab zwar auf Nachfrage bekannt, dass ich nach Cádiz wollte, was nicht das Ziel der beiden Insassen war, konnte dann aber veranlassen mich an besagtem Rasthof abzusetzen, welcher glücklicherweise auf ihrem Weg und vor ihrem Ziel Fuengirola lag. Dort wollte mich der Fahrer am Bahnhof herauslassen, was ich ablehnte.

Den Stopp am Rasthof nutzen die beiden aus Albanien stammenden Personen zum Tanken. Und die Erwähnung der Nationalität nehme ich zum Anlass, um grundsätzlich die Frage danach zu beantworten, ob es in Spanien leicht bzw. leichter ist per Anhalter zu reisen als in anderen Ländern. Mit meiner Erfahrung kann ich es jedenfalls nicht am Land bzw. der Nationalität festmachen. Autos mit unterschiedlichsten, fremdländischen Nummernschildern fahren ebenso an mir vorbei wie spanische. Sei es deutsch, englisch, holländisch, französisch. Hinzu kommt, dass viele Mietwagen mit Urlaubern unterwegs sind. Ich habe den Eindruck, dass es eine überdurchschnittliche hohe Anzahl an Frauen gibt, die alleine in großen Geländewagen durch die Gegend fahren. Also diesen SUVs, die sich für tatsächliches Gelände wahrscheinlich gar nicht eignen, sondern eher Ungetüme für den Stadtverkehr sind. Keine Ahnung, warum mir die gerade auffallen. In der Regel sitzen nur ein bis zwei Personen in jedem PKW und wenn mal positive Reaktionen kommen, dann sind es junge Männer, die hupen, winken oder den Daumen strecken. Heiter, aber unterm Strich nicht hilfreich.

Meine Entscheidung trotz der Mühseligkeit immer wieder als Anhalter zu starten, wenn es meine Planung zeitlich zulässt, beruht auf dem Vorhaben dieses Straßenbild weiterhin bestehen oder wieder aufleben zu lassen. Ich glaube, dass die geringe Bereitschaft des Anhaltens auf dem Mangel an Erfahrung beruht und dass es ein Ausnahmephänomen geworden ist. Wäre ich Stadtplaner, würde ich vor den großen Autobahnzubringern Haltezonen anlegen lassen, die dazu dienen, dass sich Anhalter und Anhaltende dort zwanglos treffen können.

Ich hatte im Vorfeld überlegt den Bus nur bis ins Zentrum von Málaga zu nehmen und mittels Blablacar bei anderen mitzufahren. Aber auch wenn ich damit schon gute Erfahrung gemacht habe, ist mir diese Art der sogenannten Share-Economie suspekt. Es ist zwar bequem und vergleichsweise günstig, aber dieses Ein- und Beschränken der Kommunikation der Nutzer, um aus einer Mitfahrbörse ein Geschäftsmodell zu machen ist mir zu blöd.

Nun war ich also auf dem Rasthof, der zwar über eine Tankstelle, ein Restaurant und jede Menge Parkplätze verfügt, aber recht verlassen wirkte. Ich deponierte meine Sachen am Tankstellenshop und sprach vorwiegen die dortigen Kunden an. Zwischendurch lief ich hin und her, um die weiter abseits rastenden LKW-Fahrer zu fragen oder die Gäste des Restaurants. Inzwischen lief ich wieder ohne Sandalen umher, da ich mich am unteren Riemen inzwischen auch wund gescheuert hatte. Der Boden war zwar kalt, aber ich friere eher über den Kopf und Oberkörper als über die Füße und Hände.

Es gab zwar regelmäßig neue Kundschaft auf dem Rasthof, aber meine direkte Frage nach Cádiz verneinte jeder. Die Fahrer sagten, dass sie ihre Reise in der näheren Umgebung, vorwiegend in Benalmádena, meist in Fuengirola oder weitestens in Algeciras beenden würden. Letzteres war vor allem das Ziel der Lastwagen, da dort ein großer Hafen ist. Besonders motivierend war eine Aussagen, dass über diesen Rastplatz keiner nach Cádiz fahre. Mein Unwillen auch nur ein Stück weit mitzufahren und in einzelnen Etappen ans Ziel zu kommen, beruht auf meiner Erfahrung, dass es auf der Strecke keine besseren oder zumindest vergleichbaren Gelegenheiten gibt. Aus Städten heraus zu kommen ist generell schwierig und weitere Rasthöfe dieser Größe lagen auch nicht mehr vor mir.

Nebenbei verspeiste ich meine mitgeführten Salatblätter und Paprikastücke. Ich grübelte weiter. Abgesehen von der Kälte, gegen die ich immerhin genug Kleidung gehabt hätte, wäre ein Übernachten auf dem Rasthof denkbar gewesen. Weiter hinten hätte ich mein Zelt aufgeschlagen und am nächsten Morgen in aller Frische mein Glück erneut versucht. Diejenigen, die mit dem Auto auf die Kanaren fahren, steuern vermutlich erst am Abfahrttag Cádiz an und ich halte es für möglich, dass einige davon auch in Arroyo de la Miel vorbei kommen. Meinen unbegründeten Optimismus hatte ich ja schon mehrmals erwähnt.

Tatsächlich wollte ich aber lieber noch an diesem Tage deutlich weiter kommen und idealerweise die Nacht in Cádiz verbringen. Als ich von einem Autofahrer erneut die Antwort erhielt, dass er nur bis Algeciras fahre, fragte ich spontan nach, ob er wüsste, ob es dort eine Busverbindung nach Cádiz gibt. Er antwortet mit eingeschränkter Gewissheit und ich ließ mich darauf ein mitzufahren. Es ging bereits auf 20 Uhr zu und es lagen etwas über 100 Kilometer vor uns.

Wir kamen ins Gespräch und ich merkte, dass mein Spanisch inzwischen ausreicht um auf rudimentäre Art und Weise zu erzählen wie ich lebe und warum. Mein Fahrer, Alfredo, ein Jahr jünger als ich und als LKW-Fahrer in Europa unterwegs, vor einer Woche zuletzt in der Region um Köln und Düsseldorf, verstand mich auf allen Ebenen und so tauschten wir uns über dies und das aus.

Aufgrund der vorangeschrittenen Stunde und meiner Müdigkeit, tendierte ich dazu eher in Algeciras zu übernachten als noch weiter zu reisen. Sollte ich in Cádiz vor verschlossener Tür der Herberge stehen, wäre es schwer dort einen Schlafplatz zu finden. Die Stadt ist durch ihre Lage sehr begrenzt. Mir kam zwar der Segelhafen in den Sinn, der etwas verlassen wirkt, aber es könnte eine kalte Angelegenheit werden. Ich fragte Alfredo, ob er von einer Herberge in Algeciras wüsste, was er verneinte, ihn aber veranlasste während der Fahrt auf seinem Smartphone eine Internetsuche zu starten und auch einen seiner Kontakte anzurufen und um Rat zu fragen. Da beides erfolglos blieb, bat ich ihn mich irgendwo in der Nähe eines Parks oder Wäldchens oder zumindest außerhalb abzusetzen, damit ich dort zelten könnte. Ich spekulierte ein wenig darauf, dass meine Sympathie soweit gewachsen war, dass er mir einen Schlafplatz bei sich anbot, ohne dass ich danach fragen müsste, aber das blieb aus. Ich fragte immerhin, ob er einen Garten habe, woraufhin ich erfuhr, dass er in einer Wohnung lebe, die er sich mit jemandem teile.

Wir verließen die Autobahn in San Roque, wo er sich mit einem Freund traf bzw. diesen abholte. Der Treffpunkt war eine abgelegene Lagerhalle und Alfredo bot mir an, dass ich dort übernachten könne und er mich am nächsten Morgen gegen 10 Uhr abholen und nach Algeciras bringen würde. Zumindest verstand ich, dass er das vorhatte. Ich hatte keine Ahnung wo genau ich war und wie weit Algeciras noch entfernt war, aber das Angebot schien mir verlockend. Es gebe einen Wachmann, den er über meine Anwesenheit informieren würde und als wir am Ziel ankamen, umkreisten drei Wachhunde das Auto, die gleichzeitig neugierig und ängstlich waren. Von ihnen sei keine Gefahr zu befürchten.

Alfredo zeigte mir eine Art Garage, in der ich übernachten könnte. Kurz darauf traf sein Freund mit einem Kleinbus ein, den er ebenfalls in dieser geräumigen Garage parkte. Ich fragte, ob es Karton gebe, den ich auf den Boden legen könnte, woraufhin mir die beiden vorschlugen in einem Auto zu schlafen. Dazu fuhren sie einen nebenan stehenden zweiten Kleintransporter ebenfalls in die Garage. Dieser hatte eine leere Ladefläche. Alfredo sagte mir, dass sie die Fahrzeuge zu Camper-Vans umbauen wollen.Garage mit zwei Kleintransportern

Ich breitete darin meine Luftmatratze und meinen Schlafsack aus, verabschiedete mich und legte mich hin, während die beiden wegfuhren. Bereits vor 22 Uhr fielen mir die Augen zu. Außerhalb der Garage waren Lampen, deren Licht noch schwach, aber nicht störend bis in den Transporter gelangte. Im Schlafsack war es angenehm warm und ich verbrachte eine angenehme Nacht in meiner mobilen Privatherberge.Mein Schlafplatz im Lieferwagen

Vor 6 Uhr erwachte ich das erste Mal. Ich entschied mich liegen zu bleiben. Kurze Zeit später wurde es stockfinster. Für einen Moment fragte ich mich, ob wirklich nur die Lichter ausgegangen waren oder ich erblindet sei. Bevor ich die Was-wäre-wenn-Gedanken vertiefen konnte, schlief ich wieder ein.

Als ich erneut erwachte, wunderte ich mich, dass es weiterhin so dunkel war, dass ich nichts sehen konnte. Mein Handy zeigte wenige Minuten vor 10 Uhr an. Ich richtete mich auf und blickte durch die Heckscheibe. In der Ferne sah ich die Sonnenstrahlen des neuen Tages und erkannte nun, dass die Garage, in der ich mich befand von einem riesigen Dach überdeckt wurde.Blick aus dem Transporter in die Halle

Ich sprang auf und verließ den Wagen. In dem Moment ging der Wachmann vorbei, äußerte aber nur ein ¿Que tal? Ich entschied mich als erstes ein paar Fotos zu machen, da sonst noch keiner anwesend war.

Blick aus der GarageMein Schlafplatz am Morgen  Blick aus der Garage

Während ich anfing zu packen, traf der Freund von Alfredo ein. Ich habe seinen Namen nicht mitbekommen und auch nicht gefragt. Mit ihm sprach ich Englisch. Er schien es eilig zu haben und während er die ersten Teile meines Gepäcks bereits in seinem Kofferraum verstaute, stopfte ich meine Schlafsachen in den großen Rucksack und nahm meine Matratze noch mit auf den Beifahrersitz, um sie während der Fahrt zusammen zu rollen.

In zügigem Tempo ging es auf die Autobahn nach Algeciras. Mein Fahrer hatte einen etwas ungewöhnlichen Fahrstil. Zum Überholen wechselte er die Spuren gerade so wie es passte, mal von links, mal von rechts. Ich erfuhr, dass er nach zwölf Jahren Arbeitsleben nun damit aufgehört habe und jetzt vom Staat finanziert werde. In Spanien sei es so, dass jeder nach sechs Berufsjahren zwei Jahre lang monatlich finanziell unterhalten werde ohne eine weitere Gegenleistung erbringen zu müssen. Danach versiege die Geldquelle allerdings. Mit Alfredo und einer dritten Person versuche er nun ein Unternehmen aufzubauen. Die drei kaufen Kleintransporter, wie die, die ich in der Garage gesehen habe und wollen sie zu Camper-Vans umbauen, um sie zu verkaufen. Im benachbarten Tarifa, einem Reiseziel für Surfer und Kiter, gäbe es dafür einen Markt. Online sei ihr Vorhaben nur auf Facebook zu finden, wenn nach vansur gesucht werde. Dort sei das erste Produkt auf Fotos zu bewundern. Eine anständige Internetseite wollen sie bemühen, wenn die ersten Erfolge zu verzeichnen sind.

An einem Kreisverkehr wurde ich herausgelassen und erhielt noch die Anweisung in welcher Richtung ich auf die Busstation treffen würde. Dankend verabschiedete ich mich und packte erst einmal meine Sachen wieder so zusammen, dass ich damit marschieren konnte. Während ich die ganze Zeit dachte, bisher nur durch Algeciras durch- oder vorbei gereist zu sein, kamen mir die Busstation und der gegenüber liegende Bahnhof bekannt vor. Ich fand aber nicht die Erinnerung, was ich beim letzten Mal hier gemacht hatte.

Ich erkundigte mich am Verkaufsschalter nach der Busverbindung und erfuhr, dass der nächste Bus nach Cádiz um 11 Uhr, also 15 Minuten nach meiner Ankunft, fahre und dafür zwei Stunden brauche. Das Ticket würde 12,85 Euro kosten. Es waren nur knapp 100 Kilometer und obwohl ich nicht wusste von wo ich starten sollte, wägte ich kurz ab, ob ich nicht doch noch versuchen sollte zu trampen. Der übernächste Bus würde erst um 14 Uhr fahren, was insgesamt etwas knapp werden könnte. Mir blieb auch nicht mehr die Zeit die Zugverbindungen zu prüfen und so kaufte ich das Busticket und setzte meine Reise auf diese Weise fort.

Ich nahm mein Netbook mit an den Sitzplatz mit der Idee während der Fahrt diesen Artikel zu schreiben. Zuerst aß ich aber etwas. Ich hatte mir zwar am Vortag ausgemalt, dass morgens vor der Weiterreise gemütlich zu tun, aber durch mein spätes Erwachen fiel das aus. Ich reduzierte meinen Vorrat an Mandarinen und Orangen sowie den an Granatapfelkernen, die ich mir in ein Schraubglas gefüllt hatte. Praktisch.

Als ich dann mein Netbook startete, überraschte mich die Meldung, dass mein BIOS-Passwort falsch sei. Es ist das Passwort, das ich direkt nach dem Einschalten eingeben muss, um überhaupt erst einmal Zugriff auf das System und die Festplatte zu bekommen. Es ist ein erster, eher einfacher Sicherheitsmechanismus, der mich aber nun selber ausschloss.

Ich war völlig verdutzt. Ich versuchte es mehrmals und spätestens nach drei Fehleingaben muss ich das Gerät neustarten, um es erneut zu versuchen. Ich versuchte sicherzustellen, dass die Tastatur funktionierte wie sie sollte. Ich merkte, dass ich manche Tasten dadurch, dass der Bus wackelte, zwei Mal drückte. Aber ich konnte ausschließen, dass das die Ursache war. Ich versuchte unterschiedliche Schreibweisen und wurde bei jeder weiteren Eingabe unsicherer. Ich habe ein BIOS-Passwort für einfache Benutzer, mit der ich zum Start des Betriebssystems komme und eins für den administrativen Bereich, wo ich Grundeinstellungen vornehmen kann. Beide wurden mir als invalid angezeigt.

Ich entsponn merkwürdige Szenarien, warum die Passworteingabe missglückte. Wurde das Gerät ausgetauscht? Blödsinn. Hatte mein Bruder es in meiner Abwesenheit scherzeshalber geändert? Aber wie und wann? Gestern Morgen hatte ich das Gerät ja noch problemlos starten können und auch selber heruntergefahren. Und welches Passwort hätte er einstellen können, auf das ich kommen würde? Das war absurd. Schirmt irgendwas mein Gerät ab oder wird es von außen beeinflusst? Wo ist mein Aluhut? Ich war total verwirrt, entnahm den Akku und legte das Gerät beiseite.

Es kam keine Panik oder Ärger auf, die Verblüffung war einfach zu groß. Es hing auch nichts kritisches davon ab. Dann könnte ich es halt auf der Fähre nicht nutzen und würde mich auf La Palma darum kümmern. Wobei ich mir bereits vorstellte, wie ich übers Smartphone mit dem WiFi der Fähre nach Standardpasswörtern für mein Modell suchte oder es versuchte aufzuschrauben, um die interne Batterie zu entnehmen, um das BIOS samt Passwort dadurch zurückzusetzen.

Ich ließ Zeit verstreichen und hörte weiter meine Podcasts übers Handy. Nebenbei entdeckte ich entlang der Fahrtroute Stationen meiner früheren Reisen und es kamen keine erfreulichen Erinnerungen zu Tage. Ich sah mich damals die Straße entlang laufen, viel und weit laufen. An verschiedenen Stellen stehen und warten, lange und vergeblich. Es war eine weise Entscheidung den Bus genommen zu haben, den ich früher immer nur an mir vorbeifahren ließ.

Ich wagte einen neuen Versuch die Kontrolle über mein Netbook zurückzugewinnen und besann mich auf meine Erfahrung und meinen Verstand: Wenn das Passwort nicht angenommen wird, dann weil ich das Passwort falsch eingebe. Und plötzlich wurde mir wieder klar auf welche Weise ich die beiden Passwörter schreibe und gelangte in mein System. Keine Ahnung, warum ich das zuvor plötzlich und erstmalig nicht mehr wusste. Ich verwende sie seit dem Sommer und tippe sie täglich mindestens einmal, meistens mehrmals ein.

Jedenfalls war damit ein Rätsel gelöst und ein Problem beseitigt. Ich nutzte den Rest der Zeit, um von den letzten beiden Tagen erst einmal ein paar Notizen für mich selber anzufertigen. Dann erreichte der Bus nach über zwei Stunden endlich die Zielstation.

Ich sichtete kurz die Schließfächer, empfand die 5 Euro Grundgebühr und die fehlende Angabe darüber ab welcher Dauer weitere fünf Euro zur Entriegelung nötig seien aber unangemessen. So setzte ich mich draußen erst einmal in die Sonne, um weitere Cherimoyas aus meinem Bestand zu verspeisen und richtete meine Provianttasche neu ein. Irgendwie verrutscht und zerquetscht mir bei dem ganzen Hin und Her doch immer irgendwas.

Ich schlenderte kurz ein bisschen durch die Stadt und hatte das Bedürfnis einem Straßenkehrer für seine Arbeit zu danken, da ich sie als wichtig empfinde. Er reagierte mit einem stummen Nicken und lächelte dabei. Einfach häufiger mal freundlich und dankbar sein.

Für einen Moment legte ich mich dann noch ins Gras und obwohl die Sonne direkt auf mich schien, konnte sie mich nicht wärmen. Ich ging gegen 15 Uhr zum Hafen und zum Büro von acciona Trasmediterranea und wartete auf den nächsten Shuttle. Als ich nach der Gepäckkontrolle im Bus saß, stellte ich fest, dass ich den Checkin vergessen hatte. Mein Ticket war im Reisebüro gekauft und mir nicht bewusst, dass ich nochmals an den Schalter musste. Erfreulicherweise konnte ich das ohne große Komplikationen schnell nachholen.

Bereits im Shuttle machte ich die Bekanntschaft mit einem Paar aus Bern. Wie üblich starteten wir die Konversation in Englisch bis wir feststellten, dass Deutsch die bessere Wahl ist.

In dem Moment, in dem der Shuttlebus die Rampe der Fähre hoch fuhr, hatte ich ein Gefühl von Zeitlosigkeit. Das Jahr, das zwischen diesem Augenblick und dem letzten Mal lag, als ich auf diese Fähre befördert wurde, verschwand und es kam mir wie gestern vor. Ein Phänomen, das mir häufig widerfährt, wenn ich an einen meiner Aufenthaltsorte zurückkehre. Die Gegenwart verschmilzt mit der Vergangenheit als ob die Monate dazwischen nicht gewesen wären und die eindeutige Trennung verschwimmt. Ich kann viele Ereignisse nicht mehr klar einem Jahr bzw. einem bestimmten Aufenthalt zuordnen.

Mein SchlafplatzAuf der Fähre suchte ich meinen Sitzplatz an gewohnter Stelle und stellte fest, dass die Internetverbindung auf dem Schiff nun nicht mehr jedem frei zugänglich ist, sondern stundenweise gekauft werden muss, was ich aber nicht in Betracht ziehe. Außerdem ist es mit 18/19° C ungewöhnlich kalt im Passagierraum.

Sitz- und SchlafplätzeUnd auch wenn die Reise damit noch nicht zu Ende ist, ende ich diesen Artikel hier und setze den Bericht in einem zweiten Teil fort. Da wundere sich noch einer, dass ich kaum noch blogge.

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